

Besuch aus Israels Friedensdorf
NEVE SHALOM / Eine Jdin
und ein christlicher Palästinenser erzählten im Kornhaus von ihren
Erfahrungen im Friedensdorf Neve Shalom/Wahat al-Salam, in dem Juden
und Palästinenser bewusst zusammen leben, «um zu beweisen, dass dies
friedlich möglich ist».
• RETO GIVEL
Konflikte gibt es auch im israelischen Friedensdorf
Neve Shalom/Wahat al-Salam. Doch dessen Bewohner wollen diese weder
mit Waffengewalt unterdrcken noch durch Wegschauen verdrängen.
Vielmehr sollen die Konflikte offen gelegt und nach gemeinsamen
Lösungen gesucht werden. Die je zwanzig dort lebenden
palästinensischen und jdischen Familien haben sich dafr
entschieden, zusammenzuleben. «In Frieden zusammenleben heisst, sich
ständig mit dem Konflikt auseinander zu setzen, damit einverstanden
zu sein, manchmal auch nicht einverstanden zu sein», philosophierte
Evi Guggenheim Shbeta, die in Zrich jdisch aufgewachsen ist und
ber zwanzig Jahre lang in Neve Shalom/Wahat al-Salam gelebt hat.
Sie berichtete am Dienstagabend im Kornhaus zusammen mit dem
christlichen Palästinenser Daoud Boulos ber ihre Erfahrungen im
Friedensdorf. Eingeladen wurden die beiden von der Fachstelle
Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit der reformierten
Kirchen Bern-Jura und der Berner Sektion der Gesellschaft
Schweiz-Israel. Juden und Palästinenser
Daoud
Boulos erzählte, dass er vor vielen Jahren als er mit seiner Familie
noch in Jerusalem lebte einem vierjährigen jdischen Mädchen aus dem
Friedensdorf begegnet sei, das fliessend Arabisch sprach. Dies hätte
ihn tief beeindruckt und seither wisse er, dass dieses Dorf «eine
gesunde Gemeinschaft» sei. Was er damit meint, kommt auch in der
organisatorischen Struktur des Dorfes zum Ausdruck: Von beiden
Volksgruppen leben je 20 Familien in Neve Shalom/Wahat al-Salam. Es
gibt nebst einer jdischen Schuldirektorin auch einen
palästinensischen Schuldirektor. Und in den gemeinsamen Lehrplan
haben sowohl Bestandteile des israelischen wie des palästinensischen
Curriculums Eingang gefunden.
Friedensarbeit in ganz
Israel
Die Bewohner machen mit ihrer Arbeit aber nicht an
der Dorfgrenze Halt, sondern tragen ihre Ideen und Anliegen hinaus
nach ganz Israel und sogar in umliegende Länder. Guggenheim hat in
ihrer langjährigen Erfahrung beobachtet, dass die einzelnen
Konfliktlösungsprozesse ähnliche Phasen durchlaufen. Bevor ein
«wahrhaftiges gegenseitiges Verstehen» einsetze, käme es oft zu
einem Zweifrontenkrieg, in dem als Verräter beschimpft werde, wer
der anderen Seite Zugeständnisse mache. Aus dieser Erfahrung schöpfe
sie bisweilen Hoffnung, «weil wir uns im grossen Konflikt momentan
eindeutig in der Phase des Zweifrontenkrieges befinden», so
Guggenheim. In der Fragerunde nahm eine jdische Frau auf diesen
Punkt Bezug: Sie sagte, dass die neun anwesenden Mitglieder der
jdischen Gemeinde Berns von einem grossen Teil des Rests
wahrscheinlich als Verräter betrachtet wrden. Guggenheim
antwortete, auch sie werde von vielen fr eine Verräterin gehalten.
Doch msse man zwischen Antisemitismus und Kritik an Israel
unterscheiden. Sie wehre sich auch dann gegen
Menschenrechtsverletzungen, wenn ihr eigenes Land sie begehe.
«Die Oase des Friedens»
clt. Neve Shalom/Wahat al-Salam: die «Oase des
Friedens» in der Kriegsregion. Etwas abseits der Autobahn Tel Aviv
Jerusalem gelegen, doch mitten im israelisch-palästinensischen
Konflikt. Die frchterlichen Ereignisse der letzten Monate haben die
jdischen und arabischen Friedensidealisten gezwungen, neue
Prioritäten zu setzen. Miteinander reden, nicht aufeinander
schiessen dieser verzweifelte Appell an die Anfhrer der
Konfliktparteien gilt nicht fr Friedensaktivisten wie die 40
Familien der Dorfkooperative Neve Shalom/Wahat al-Salam. Fr sie ist
jetzt nicht die Zeit des Redens, sondern die Zeit der Taten. Galt
bis zu Beginn der «Intifada Al-Aksa» ihr Augenmerk der Erziehung zu
Toleranz und Frieden, so engagieren sie sich jetzt vornehmlich in
der «humanitären Hilfe an Palästina», wie der Dorfvorsitzende Anwar
Daud erklärt. Schon in «normalen» Zeiten stossen die jdischen wie
die arabischen Dorfbewohner zwar auf viel Sympathie, aber auch
ebenso viel Unverständnis. Jetzt, wo die Panzer rollen, haben sie es
schwer, sehr schwer sogar mit der israelischen Armee: «Wir brauchen
die Bewilligung der Armee, um zu atmen.» Am letzten Samstag wurden
die vierzehn Ärzte, Pfleger und Apotheker des Dorfes gar bei Nablus
von einem Panzer unter Beschuss genommen, als sie medizinische Hilfe
fr die in ihren Städten und Dörfern eingeschlossene
palästinensische Zivilbevölkerung bringen wollten. Frher, eben in
jenen «normalen» Zeiten, da war das Dorf mit seiner Elementarschule
fr 300 Kinder aus der gesamten Umgebung und der Friedensschule vor
allem ein Ort des Dialogs zwischen Juden, Muslimen und Christen,
Israelis und Palästinensern. Doch die binationalen Treffen, der
israelisch-palästinensische Dialog, mussten auf Grund der Ereignisse
praktisch eingestellt und durch getrennte Gespräche der jeweiligen
nationalen Gruppe ersetzt werden. Das hat nichts mit Resignation zu
tun, sondern mit der Notwendigkeit jeder Gruppe, sich klar zu
werden, wie man die Fahrt in Richtung Abgrund stoppen will. Erst
danach will man sich wieder nach aussen, der jeweils anderen Gruppe
gegenber, äussern. Allein schon dieses Vorgehen zeigt auf, mit
welch sensorischem Gespr man in Neve Shalom reagiert und vorgeht,
dass man keineswegs, wie man öfters von Aussenstehenden zu hören
bekommt, sich von der Aussenwelt abgekapselt und die Realitäten
durch Tagträume ersetzt hat. Man ist hier auf der Höhe der Zeit,
wenn man auch die berzeugung des Grnders, des Dominikanerpaters
Bruno Hussar, in schwierigsten Zeiten wie den gegenwärtigen nicht
aufgibt: «Frieden ist möglich.»
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