Rundbrief               04 / 2001

Beiblatt

Schriften zum Thema:
Frieden im Nahen Osten

Der vorläufige Abbruch des so hoffnungsvoll begonnenen Friedensprozesses im Nahen Osten und die so urplötzlich ausgebrochene Gewalt auf beiden Seiten haben uns wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel getroffen. Wir ringen immer noch ums Verstehen dieser überraschenden Veränderung, die sich auch in der vernichtenden Niederlage von Barak bei der Wahl des israelischen Ministerpräsidenten niedergeschlagen hat. Den Fragen nach dem warum können wir im Rundbrief nicht gründlich genug nachgehen, daher empfehlen wir zur vertiefenden Lektüre u.a. die unten besprochenen Bücher.

Professor E.Said urteilt aus der Sicht eines kritischen palästinensischen Beobachters im Ausland; Dr.Reiner Bernstein aus langer wissenschaftlicher und publizisti-scher Beschäftigung mit jüdischen und israelischen Veröffentlichun-gen.

Israel & Palästina, Hintergrundinfor-mationen des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten (DIAK), und dessen Schrif-tenreihe, die im Wochenschau-Verlag Schwalbach/Ts. erscheinen, können wir empfehlen. Aus der Rei-he haben wir im Rundbrief bereits u.a. im Januar 1999 „Daheim im Exil – Orientalische Juden in Israel“ von Ulla Philipps-Heck und im Juni 1999 „Friedenspädagogik in Israel“ von Ulrike Wolff-Jontof-sohn und „Der Nahost-Konflikt“ von Harald Neifeind vorgestellt. Unsere Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Friedensprozesses stützt sich auf die Friedenssehnsucht, vor allem junger Menschen, in Israel und Palästina, wie sie sich in der Gedichtesammlung „Kinder schreiben für den Frieden“ findet.

Edward W.Said “Frieden in Nahost?“ Palmyra Verlag, Heidelberg 1997, ISBN 3-930378-15-9, 280 S., Broschur DM 19,80

Macht es noch Sinn, auf ein Buch hinzuweisen, das 1997 erschienen ist und hauptsächlich Artikel aus den Jahren 1993-1997 enthält? Ja, denn leider sind diese bis heute kei-neswegs überholt. Der aus Jerusa-lem stammende amerikanische Pro-fessor für vergleichende Literatur-wissenschaft an der Columbia-Uni-versität N.Y. beschreibt darin kri-tisch die Entwicklung des Friedens-prozesses zwischen Israel und den Palästinensern. Wer sich wundert, warum am 1.Oktober 2000, dem jüdischen Neujahrstag, ein kriegs-ähnlicher Aufstand der Palästinen-ser gegen die israelische Über-macht ausgebrochen ist, der sollte sich nicht mit einer Erklärung be-gnügen. Die medienwirksame Demonstration Ariel Sharons auf dem Platz zwischen Felsendom und Al-Aqsa-Moschee gegen die kurz vorher von Barak geäußerte Bereitschaft zu Zugeständnissen an die Palästinenser hat nur das Faß zum Überlaufen gebracht. Die von ihm (vielleicht nicht so hart) erwartete Reaktion der Palästinenser hat ihm endlich das Amt des israelischen Ministerpräsidenten verschafft.

Besser kann man die Stimmungs-lage der Palästinenser verstehen, wenn man sich mit ihrer Situation intensiver beschäftigt, wie das Said in wacher, kritischer Beobachtung von außen und doch von innen tut.

Er schreibt in der Einleitung seines Buches:

„Obwohl ich in New York in großer Entfernung vom Nahen Osten lebe...gab es für mich nie eine wirkliche Trennung von der arabischen Welt, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Im Jahre 1948 mußte meine gesamte Familie aus Palästina fliehen. Wir lebten in Ägypten..., im Libanon, in Jordanien und den Vereinigten Staaten. Ob ich wollte oder nicht, das Schicksal des exilierten und entrechteten palästinensischen Vol-kes war auch mein Schicksal, obwohl meine Lebensumstände im Vergleich zur Situation derer, die immer noch staatenlos und unter Militärbesatzung leben, sehr glücklich gewesen sind. Auf der anderen Seite ermöglicht dieser Abstand eine Perspektive und eine gewisse Freiheit, durch die man Dinge sehen und beurteilen kann, die für diejenigen, die inmitten schnell sich entfaltender Ereignisse leben, nicht wahrnehmbar oder schwer einzu-schätzen sind. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es für den arabisch-israelischen – und beson-ders den palästinensisch-zionisti-schen - Konflikt keine miltärische Lösung geben kann. Ich glaube aufrichtig an die Versöhnung zwi-schen im Widerstreit miteinander stehenden Völkern und Kulturen und habe mir das Ziel gesetzt, diese Versöhnung zu unterstützen.... Versöhnung, die wirklichen Frieden bringen kann, gibt es nur zwischen Gleichen, zwischen Partnern...“

Diese Beurteilung kann man voll teilen. Wenn man sich auch manche seiner Feststellungen in den verschiedenen Artikeln nicht zu eigen machen wird, so sind sie doch interessant zu lesen. Er bleibt dabei nicht nur kritisch der israelischen Staatsmacht gegenüber, er deckt auch die Schwächen des Systems Arafat und seines mit ihm aus Tunis gekommenen Gefolges schonungslos auf. Die arabische Ausgabe des Buches wurde von Arafats Informationsministerium ver-boten. Said ist zwar der Meinung, daß der gegenwärtige Friedens-prozeß am Ende ist, er sieht aber u.a. in der Arbeit der neuen Histo-riker in Israel Ansätze zu einem Wandel, die eine geistige Begegnung zwischen Gleichen, eine wirkliche Versöhnung zwischen Kulturen und Völkern möglich machen wird. Er ist optimistisch, daß dieser „Wandel kommen wird und daß er weder islamisch noch jüdisch, sondern menschlich sein wird: also sollten wir alle daran arbeiten.“

Reiner Bernstein „Der verborge-ne Frieden - Politik und Religion im Nahen Osten“ Berlin 2000, ISBN 3-934658-08-3, Paperback, 304 Seiten, DM 49,80

Der Historiker mit den Schwerpunkten Israel/Nahost und Jüdische Ge-schichte der Neuzeit ist Studienlei-ter an der Melanchthon-Akademie in Köln. Bernstein legt mit dem im Jüdischen Verlag Berlin herausgegebenen Buch eine gründliche Un-tersuchung einer Menge internatio-naler, nicht nur jüdischer, aber vor allem israelischer, Veröffentlichun-gen zu Politik und Religion und ihre Einflüsse auf den Frieden im Nahen Osten vor. Er zeigt, wie und warum sich die Schwerpunkte israelischer Politik im Laufe der Zeit verschoben haben und wie die aus religiösen Quellen gespeiste nationale Kom-ponente immer mehr an Einfluß in der israelischen Gesellschaft und Politik gewonnen hat. Er belegt dies mit einer Fülle von Beispielen und Zitaten. Ein Beispiel auf S.107: „Nach dem Oktoberkrieg 1973 erlebte der Hauptstrang der einst zum politischen Kompromiß bereiten Nationalreligiösen Partei (NRP) eine schwere Krise: Die Normen der menschlichen Würde, der Liberalität („Liberty“), der Freiheit der Wahl und der Demokratie, die kürzlich noch einmal zum Grundbestand der Partei gerechnet wurde, mußten sich einer zunächst schleichenden und schließlich offenen Radikalisierung beugen. Nach der Abspaltung des Gush Emunim im Februar 1974 wanderte die Partei nach rechts ab und verweigerte jede weitere Mitver-antwortung, >wenn die Regierung einen Friedensplan vorlegt, der die Aufgabe von Teilen des Landes Israel, unser angestammtes Erbe, einschließt<.“

Seine Kritik an der Politik der israelischen Regierung gegen die Palästinenser ist deutlich und gut belegt, z.B. S.59: „Mit Hilfe verwaltungstechnischer Anordnungen ... wurde eine stille Deportation in Gang gesetzt, die Vergleiche mit den ethnischen Säuberungen im früheren Jugoslawien nahe legten. Nach Ansicht der Publizistin Susan H. Rolef....beherbergte die Stadt Menschen, die eines Morgens aufwachen und feststellen müssen, daß sie und ihre Kinder nicht mehr zu den Einwohnern gerechnet würden – unweigerlich Araber – während andere nur mehrere Wochen im Jahr in der Stadt lebten, aber alle Rechte genössen – unweigerlich Juden aus der Diaspora.“

Die Leseproben sollen Anreiz ge-ben, sich für dieses gründliche Buch Zeit zu nehmen, nicht nur wegen der Fülle von Informationen und Zitaten. Das Buch, das Hintergründe und Zusammenhänge verstehen hilft, hat auch ein reiches Glossar und Literaturverzeichnis.

Rachel Aharoni (Hrsgb) „Kinder schreiben für den Frieden“ Givat Haviva 2000, ISBN 965-555-020-6, 132 S. 39,00 DM (+ Versand)

Givat Haviva, eine Bildungsstätte der Kibbuzbewegung, bemüht sich ähnlich wie die Friedensschule von Neve Shalom/Wahat al Salam seit Jahren um Verständigung zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels, zwischen Israelis und Palästinensern. Unter den Mitarbeitern von Givat Haviva sind Absolventen der Friedensschule von NSH/WAS. Im Rahmen der Erziehung zu Frieden und Demokratie, Toleranz und Solidarität wurde 1999 ein Wettbewerb „Kinder schreiben für den Frie-den“ veranstaltet. Jüdische und ara-bische Kinder aus Israel schickten Hunderte von Gedichten, die alle Sehnsucht nach Frieden ausdrück-ten. Alle eingesandten Gedichte wurden dem israelischen Staatsprä-sidenten Ezer Weizmann überge-ben, der die Gewinner des Wettbe-werbs in seinem Amtssitz empfing. Eine Auswahl der schönsten Gedichte der 7 bis 14 Jahre alten Kinder wird im hebräischen und arabischen Original und in der Übersetzung von Rafael Rosenzweig vorgestellt. Der geschmackvoll gestal-tete Band ist mit Friedensbildern illustriert, die jüdische und arabi-sche Kinder bei einem kreativen workshop im Kunstzentrum von Givat Haviva gemalt haben.

Er kann über Givat Haviva Deutsch-land bezogen werden: Rainer Niebur, Otto-Brenner-Str. 52, 45549 Sprockhövel e-Mail: givathaviva2000@hotmail.com

Aus dem

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2001 von Patriarch Michael Sabbah, Jerusalem:

Krieg, der uns auferlegt wurde.... Blockierte Straßen, die Besatzung, die Arbeitslosigkeit, das israelische Bombardement, die Zerstörung der Häuser, die internen Schwierigkeiten der palästinensischen Gesellschaft und der Gedanke an die Emigration.“ Er rief die Palästinenser auf, den Bestimmungen zu gehorchen und nicht das Land zu verlassen. „Der, der Not leidet, suche den auf, der in noch größerer Not steckt und gebe ihm die notwendige Hilfe... Allen die Hunger haben, sagen wir, wir wollen mit euch euren Hunger und unser Brot teilen!“ Die Israelis forderte er auf, „zu sehen, daß der Palästinenser, Christ oder Muslim, nicht das Bild ist, das ihr zu sehen entschieden habt. Er ist weder ein Terrorist noch ein Mensch, der hassen und töten will. Versucht zu sehen, daß euere Belagerung des Landes seit 1967, die Entziehung der Freiheit und heute die Besatzung der Städte und Dörfer mit allen Leiden, die daraus folgen; versucht zu sehen, daß all dies zu dem führt, was ihr Terrorismus nennt, während es sich im Gegenteil ganz einfach um den Schrei des Armen und Unterdrück-ten handelt, der nach seiner Freiheit und Würde verlangt. Es gab eine Zeit, in der ihr selbst nach der Freiheit verlangt und den gleichen Schrei der Unterdrückung getan habt. Erinnert euch daran und seid gerecht. All jenes, was ihr Sicherheitsmaßnahmen nennt, ist ganz einfach eine Einladung zu mehr Gewalt.“

Zu den Christen: „Wir erinnern Euch an das schwierige Gebot der Feindesliebe: Liebt eure Feinde, betet für die, die euch verfolgen. Die Liebe ist keine Schwäche. Sie ist die Vorstellung des Antlitzes Gottes in einem jeden Menschen, dem Palästi-nenser und dem Israeli. Der Israeli, der unsere Freiheit beeinträchtigt, bleibt Träger des Antlitzes Gottes!“

 

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© 2000 Verein der Freunde von Neve Shalom/Wahat al-Salam
e.V. Geschäftstelle: Sonnenrain 30, 53757 Sankt Augustin.

Revised: 17-Jun-2001.